Google Kühlschrankmagnete
»Google Kühlschrankmagnete«
Objekt
215 Magnete
Metallplatte
70 x 100 cm
2010

Installationsansicht
Detail
Agentur für Arbeit
Stuttgart
2013

In den Häuserschluchten Sao Paulos lernte ich Diego kennen, einen 19-jährigen Straßenjungen, der von sich selbst behauptet, Kunstreproduzierer zu sein. Seinen Lebensunterhalt verdient er durch den Verkauf von selbstgemachten Magneten, die er auf der Straße den Passanten zum Kauf für Ihren Kühlschrank anbietet. Auf seinem kleinen Laptop hat er eine digitale Motivsammlung mit über 60.000 gespeicherten Bildern, die er von Google heruntergeladen/gescreenshotet hat, ungeachtet der Copyrights. Aus dieser Sammlung produziert er nach und nach Magnete. Als ich ihn traf, hatte er eine Auswahl von 215 Magneten, die ich ihm vollständig abkaufte.

„Google Kühlschrankmagnete“ zeigt die Magnetsammlung des Straßenjungen auf einer Metallplatte, die den Betrachter dazu einlädt, die 215 Bilder zu bewegen und nach Belieben zu kombinieren.
So können immer wieder neue Querbezüge zwischen Bildern hergestellt werden, die unterschiedlicher nicht sein können. Die Motive stammen aus verschiedenen Jahrhunderten, sind den heterogensten Kontexten entlehnt und zitieren High and Low Culture aus allen erdenklichen Bereichen – Images die Diegos bei der Kundschaft für verkäuflich hält.

Spielerisch lassen sich durch das bewegen der Magnete unzählige Konstellationen, Paarungen oder Gruppierungen herstellen, die eine Bandbreite an formalen oder inhaltlichen Parallelen, Anknüpfungspunkten oder Vergleichsmöglichkeiten eröffnen. Die Veränderbarkeit der Magnete lässt ein Studium der Motive zu, das unerwartete Interpretationen und Beobachtungen erlaubt.

„Google Kühlschrankmagnete“ ähnelt einem Recherchetool, das an Methoden von Kunsthistorikern und Bildwissenschaftlern des Beginnenden des 20. Jahrhunderts erinnert. Aby Warburg legte etwa seinen berühmten Bildatlas „Mnemosyne“ an, mit Hilfe dessen er visuelle Tafeln zur Erforschung widerkehrender Themen von der Antike bis zur Gegenwart anlegte. Auch in André Malreauxs Buch „Das imaginäre Museum“ geht es um die Verwandtschaft der Bilder. Die Art und Weise, wie sie sich
einander zuwenden, aufeinander verweisen und zu Vergleichen einladen, formen sie einen
eigenständigen visuellen Diskurs. Bei Heinrich Wölfflin diente zur Entwicklung seiner sogenannten
„kunstgeschichtlichen Grundbegriffe“ der Vergleich zweier an die Wand projizierter Kunstwerke, eine Herangehensweise, die auch als Reaktion auf die damals neuen technischen Möglichkeiten der
Reproduktion von Bildern zu begreifen ist.

Die Arbeit „Google Kühlschrankmagnete“ resultiert ebenfalls auf die jüngsten Entwicklungen im
Umgang mit Bildern, denn der einfachste und erste Rechercheweg bei heutiger Bildrecherche läuft meist über digitale Suchmaschinen wie Google. Dies hat nicht nur Einfluss auf den alltäglichen Umgang mit Bilderzeugnissen, sondern auch hinsichtlich Bildwissenschaftlicher oder künstlerischer Recherche.